Vortragsreihe „Ethische Aspekte aktueller Zeitfragen“ Sommersemester 2019

Dienstag, 17.30 bis 19 Uhr, Hörsaal 5, Flandernstraße 101

Erinnern und Ethik

Theodor W. Adorno beschreibt die Forderung, dass „Auschwitz nicht noch einmal sei“, als Aufgabe an Erziehung und Bildung. Darin enthalten ist jedoch auch ein gesamtgesellschaftlicher Auftrag, aus der Geschichte zu lernen und Verantwortung zu übernehmen. Viele Überlebende der NS-Vernichtungspolitik erzählen ihre Geschichte verbunden mit dem Appell, sich heute gegen Menschenfeindlichkeit und Ausgrenzung einzusetzen. Erinnern beinhaltet also nicht nur, sich mit historischen Begebenheiten auseinanderzusetzen, sondern Erinnern schließt auch ethische Fragstellungen und Handlungsanforderungen in der Gegenwart ein, die sich aus dem historisch Geschehenen moralisch begründen. Die Vortragsreihe versucht, Erinnern und Ethik aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten. Dabei geht es unter anderem darum, welche historischen Ereignisse wie erinnert werden und welche ethischen Fragestellungen sich daran anschließen. Und es wird thematisiert, wie gesellschaftliches Erinnern ausgehandelt und immer wieder angefragt wird.


19.3.19            Ethik und Erinnern – Einführung


26.3.19            Das Menschen Mögliche - Eine historische Rekonstruktion von menschenverachtenden Inhalten in der Ausbildung Sozialer Berufe am Beispiel von Prüfungsaufgaben der Frauenschule für ‚Volkspflege’ Stuttgart - Historische Forschungswerkstatt Hochschule Esslingen

 Die Beteiligung der ‚Volkspflege’ an der Vernichtungspolitik im Nationalsozialismus  ist bislang wenig beleuchtet. Gleichwohl machte sie es sich zur Aufgabe, Menschen zu kategorisieren und damit deren Deportation in Konzentrationslager oder ihre Sterilisation aus rasseideologischen Gründen zu veranlassen. Dazu sind ‚Volkspflegerinnen’ ausgebildet worden. Die Historische Werkstatt der Fakultät Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege der Hochschule Esslingen rekonstruierte Prüfungsaufgaben der Frauenschule für ‚Volkspflege’ Stuttgart, der Vorgängerinstitution der Hochschule Esslingen. In den Rekonstruktionen wird sichtbar, wie sich menschenverachtendes Denken systematisch in den Fallgeschichten, die zur Bearbeitung in der Prüfung vorgelegt wurden, zeigt. Dies lässt Rückschlüsse auf die in der Ausbildung vermittelten Inhalte zu und offenbart die zur Selbstverständlichkeit gewordenen rasseideologischen Haltungen. Gleichzeitig wird deutlich, wie sich die ‚Volkspflege’ in institutionelle Machtkonzentrationen im NS eingliederte und so individuelle Selbstbestimmung explizit verunmöglichte


2.4.19              Fürsorgerinnen im Nationalsozialismus - Wölfinnen im Schafspelz? – Prof. Dr. Esther Lehnert, Alice Salomon Hochschule, Berlin.

Ein Vortrag über Zusammenhänge zwischen der Beteiligung von Fürsorgerinnen am Nationalsozialismus, dem Konzept der "organisierten Mütterlichkeit" der ersten deutschen Frauenbewegung und der Nicht-Wahrnehmung rechtsextremer Frauen in der Sozialen Arbeit heute


 9.4.19             Zum Verhältnis von asymmetrischen Forschungsbeziehungen und Forschungsethik – Prof. Dr. Mechthild Bereswill, Universität Kassel


Im Mittelpunkt des Vortrags steht die Auseinandersetzung mit der Gestaltung von Forschungsbeziehungen in der qualitativen Sozialforschung mit Untersuchungsteilnehmer*innen, die sozial besonders verwundbar sind (z.B. Inhaftierte; Menschen, die in Heimen untergebracht waren). Anhand von ausgewählten Ergebnissen und konkreten Konflikterfahrungen während der Forschung wird nach möglichen Regeln, nach der Bedeutung von Transparenz und den Grenzen und Möglichkeiten einer Forschung gefragt, die die Sichtweisen und die Erfahrungen von Untersuchungsteilnehmer*innen einbezieht und respektiert.


16.4.19            Konstellationen der Erinnerung. Die Gestaltung der KZ-Gedenkstätte Dachau – Nina Rabuza

Jedes Jahr besuchen Millionen von Menschen KZ-Gedenkstätte in Europa, um sich mit den nationalsozialistischen Verbrechen zu befassen und der Opfer zu gedenken. Die Gestaltung der Orte, die Auswahl und die Präsentation des Wissens spielen dabei meistens keine Rolle. Obwohl sie den heutigen und den zukünftigen Blick auf die Geschichte und ihre Erinnerung prägen.

Der Vortrag befasst sich mit der Gestaltung der KZ-Gedenkstätte Dachau. An ausgewählten Beispielen wird die Gestaltung der Gedenkstätte hinsichtlich historischer, gesellschaftlicher und ästhetischer Konstellation der Erinnerung untersucht. Dabei steht die Frage im Mittelpunkt, wie wir in und durch die Gedenkstätte der nationalsozialistischen Opfer erinnern.

Nina Rabuza studierte Philosophie und Politikwissenschaft in Halle/Saale und an der Freien Universität Berlin. Nach ihrem Masterabschluss in Philosophie arbeitet sie mehrere  Jahre als pädagogische Mitarbeiterin im Max Mannheimer Studienzentrum in Dachau. Seit 2017 schreibt sie eine Doktorarbeit über die Gestaltung der KZ-Gedenkstätte Dachau. Ihre Interessensschwerpunkte sind Kritische Theorie und die philosophische Rezeption des Nationalsozialismus.


23.4.19            „Gedenken statt shoppen“ - wie das Hotel Silber doch noch ein Lern- und Gedenkort wurde - Elke Banabak und Harald Stingele

Im Jahr 2008 Pläne wurden Pläne der Firma Breuninger und des Landes Baden-Württemberg bekannt, im Zuge der Neubebauung eines Quartiers in der Stuttgarter Innenstadt auch das Gebäude der ehemaligen Gestapozentrale, das Hotel Silber, abzureißen.

Organisationen und Einzelpersonen aus der politisch historischen Bildungs- und Erinnerungsarbeit schlossen sich zusammen zu einer Bürgerinitiative für den Erhalt dieses historisch bedeutsamen Tatorts der NS Geschichte, der als Polizeisitz ab 1928 und nach 1945 zugleich tiefe Einblicke in die Vor- und Nachgeschichte der NS-Diktatur bietet.  Die jahrelange unermüdliche Öffentlichkeits- und Lobbyarbeit der Bürger*innen hat sich gelohnt: Zehn Jahre nach Bekanntwerden der Abrisspläne  wurde im Dezember 2018 der Lern- und Erinnerungsort Hotel Silber eröffnet, den die Bürger*innen nicht nur erstritten haben, sondern auch - mit vertraglich verankerten Beteiligungsrechten - weiterhin mitgestalten.

Über die Erfahrungen in den Auseinandersetzungen um den Erhalt des Ortes und um die Beteiligungsrechte der Bürgerinitiative in einer Landesinstitution berichten Elke Banabak, Gründungsmitglied der Initiative Lern- und Gedenkort Hotel Silber e.V. und seit 1.1.19 Geschäftsführerin und Harald Stingele, Vorsitzender des Vereins


30.4.19            „Man muss uns jetzt diese zwölf Jahre nicht mehr vorhalten“ – Zur Bedeutung von „Geschichte“ im aktuellen Rechtspopulismus – Michael Sturm, Villa ten Hompel, Münster

In den Argumentationsmustern extrem rechter und rechtspopulistischer Strömungen spielt der Verweis auf Geschichte eine zentrale Rolle. Entweder, um eine angeblich bessere Vergangenheit zu verklären, oder, um eine gemeinsame „exklusive“, kulturell und ethnisch homogene Identität zu beschwören. Immer wieder rückt aber auch die Erinnerung an die NS-Zeit in den Fokus extrem rechter Agitation.

Die  Mythen und Erzählmuster sind keineswegs neu. Vielmehr gründet das Geschichtsverständnis, das für den aktuellen Rechtspopulismus kennzeichnend ist, auf einem  tradierten Bündels immer wieder neu beschworener extrem rechter Kampfbegriffe wie „Volk“, „Gemeinschaft“ oder „Nation“, die ein vermeintlich homogenes und exklusives Kulturverständnis rechtfertigen sollen und die Grundlage eines völkischen Geschichtsbildes darstellen. Geschichtspolitik ist demnach Ausdruck eines von rechtspopulistischen Strömungen geführten „Kulturkampfes“.

Der Vortrag widmet sich den geschichtspolitischen Mythen und Argumentationsmustern des aktuellen Rechtspopulismus. Zu fragen ist auch nach den gesellschaftlichen Resonanzen dieser geschichtspolitischen Vorstöße? Welche Herausforderungen ergeben sich daraus für eine demokratisch orientierte historisch-politische Bildung? Wie könnten kritische Erinnerungskulturen gestaltet werden, die nicht nur der völkischen Aneignung von „Geschichte“ entgegenstehen, sondern auch gesellschaftskritische Perspektiven entwickeln?

Michael Sturm ist Historiker und pädagogisch-wissenschaftlicher Mitarbeiter im Geschichtsort Villa ten Hompel, Münster


7.5.19             Simas Lieder – Yoed Sorek, Aula

Simas Lieder heißt das Programm, das Yoed Sorek seiner Großmutter Sima Skurkovitsh gewidmet hat.
Die jiddischen Lieder aus der Zeit vor der Shoah haben der geborenen Litauerin und Holocaust-Überlebenden einst Hoffnung und Trost gebracht.
Diese Lieder, die mit einem Lachen und einem Weinen von der Liebe und dem Leben erzählen, hat sie an ihren Enkel weitergegeben. Es ist authentische jüdische Folklore, wie sie bei Hochzeiten und anderen Festen gesungen wurde.
Yoed Sorek bettet sie beim Auftritt in eine Geschichte ein, die er vor dem Vergessen bewahren will: die Geschichte seiner Großmutter und seines Volkes, die Geschichte von Juden und Deutschen.


14.5.19              Endlich Staatsbürgerinnen! 100 Jahre Frauenwahlrecht in Deutschland und der lange, steinige Weg dorthin – Dr. Elke Schüller (Gender- und Frauenforschungszentrum der hessischen Hochschulen)

Dass in Deutschland Frauen an den Wahlen teilnehmen und sich auch als Kandidatinnen aufstellen lassen, erscheint uns heute als große Selbstverständlichkeit. Doch dieses Menschenrecht war den Frauen, die immerhin die größere Hälfte der Bevölkerung darstellen, lange Zeit vorenthalten worden. Es musste genauso eingefordert und erkämpft werden wie das allgemeine Wahlrecht für die männlichen Bürger. Doch der Weg dahin war für Frauen deutlich länger und steiniger – er begann in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und endete am 12. November 1918 als im Zuge der Novemberrevolution das Frauenwahlrecht proklamiert wurde und damit die Frauen endlich die gleichen staatsbürgerlichen Rechte wie die Männer erhielten.

Wie und von wem das Frauenwahlrecht erkämpft wurde, welche Auswirkungen es hatte und wie sich die Situation heute darstellt wird in diesem Vortrag beleuchtet.


21.5.19             Gedenken für morgen – Janka Kluge

Erinnerungen sind an vergangene Geschehnisse geknüpft. Aus der Beschäftigung mit der Vergangenheit, kann aber etwas für die Zukunft entstehen. Aus der Formulierung „Nie wieder Auschwitz“ muss, wenn sie ernst gemeint ist, die Frage folgen: „Wie war es möglich?“.


28.5.19                  Die Bürgerrechtsbewegung Deutscher Sinti und Roma von ihren Anfängen bis zum heutigen Tag - Erinnern an ein wenig bekanntes Gebiet der jüngeren und jüngsten Deutschen Geschichte – Behar Heinemann

Seit Ihren Anfängen bis zum heutigen Tag streitet die Bürgerrechtsbewegung deutscher Sinti und Roma um Wiedergutmachung für im Nationalsozialismus erlittenes Unrecht, Anerkennung als nationale Minderheit und angemessene Formen des Gedenkens. Auch bekämpft sie unermüdlich alle Arten von Diskriminierung in der Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland sowie in Europa und auf internationaler Ebene. Die Vortragende, Frau Behar Heinemann, gebürtige Romni aus dem Kosovo mit deutscher Staatsangehörigkeit seit über 25 Jahren, zeichnet die Geschichte, die Entwicklung und die Meilensteine der Bürgerrechtsarbeit deutscher Sinti und Roma bis zum heutigen Tage nach. Ihr Vortrag verdeutlicht die Schwierigkeiten im Kampf um Recht und Gerechtigkeit, um Toleranz und gegenseitigen Respekt von Minderheit und Mehrheitsgesellschaft. Damit liefert sie zugleich einen Einblick in ein halbes Jahrhundert und mehr eines wenig bekannten Gebietes der jüngeren und jüngsten deutschen Geschichte


4.6.19              Versicherheitlichung von Migration und Kriminalisierung von Helfer*innen - Die aktuelle Situation ziviler Seenotrettung im Mittelmeer und die Entwicklung des öffentlichen Diskursin Deutschland – Benedikt Funke

Benedikt Funke war als Kapitän auf dem 2017 von Italienischen Behörden beschlagnahmten Seenotrettungsschiff "IUVENTA". Daneben war er auch aufder "AQUARIUS" von Ärzte ohne Grenzen im Einsatz. Im Masterstudiengang Friedensforschung und Sicherheitspolitik beschäftigte er sich mit der

Gestaltung des Diskurses zur zivilen Seenotrettung in Deutschen Medien und arbeitete Akteur*innen und Inhalte basierend auf dem theoretischen Ansatzder Versicherheitlichung (Securitisation) heraus. In dem Vortrag wird er

die Ergebnisse sowie die aktuelle Situation der Seenotrettung und der Seenotretter darstellen.


11.6.19            Pfingstferien


18.6.19             Rechte Gewalt, Erinnern und Soziale Arbeit – Judith Häring, Paulina Miliczek und Gamze Yigit, Hochschule Esslingen

Am 7.7.1992, zeitlich nach den Ausschreitungen in Hoyerswerda und vor den Anschlägen in Mölln und Solingen, fand in Kemnat Ostfildern ein rechtsextremer Übergriff statt. Sadri Berisha wurde ermordet und Sahit Elezay schwer verletzt. Die Referentinnen haben im Rahmen eines Lehrforschungsprojekts diese Tat und das Umgehen damit aus heutiger Perspektive rekonstruiert. In dem Vortrag werden Vorgehensweisen des Projekts, Ergebnisse und Fragen an das Thema vorgestellt.


25.6.19             Zwischen Erinnerungskultur und Gedächtnislosigkeit. Überlegungen zur Aktualität der »Kritik der instrumentellen Vernunft« - Prof. Dr. André Lohse, Hochschule Esslingen

Der Vortrag versucht, Elemente einer 'kritischen Ethik des Erinnerns' zu konturieren, verstanden als Ausgangspunkte des Nachdenkens über Verfestigungswege des »historischen Todestriebes« (Marcuse), die es zu überwinden gilt. Wie aber kann eine Gesellschaft, "die keine Zeit hat, sich zu erinnern" (Horkheimer) und in deren Gefolge der "Mensch in den praktischen Zwecken aufgeht" (Adorno) dem akuten Wiederaufkommen faschistischer Tendenzen widerstehen?


Für sämtliche Veranstaltungen gilt der folgende Einlassvorbehalt: „Die Veranstaltenden behalten sich vor, von ihrem Hausrecht Gebrauch zu machen und Personen, die rechtsextremen Organisationen angehören, der rechtsextremen Szene zuzuordnen sind oder bereits in der Vergangenheit durch rassistische, nationalistische, antisemitische oder sonstige menschenverachtenden Äußerungen in Erscheinung getreten sind, den Zuritt zur Veranstaltung zu verwehren oder von dieser auszuschließen."

 

 

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