Ein grüner Campus für die Zukunft

Hochschule - Weststadt

Weststadt Stories (Folge 6)

Großflächige Dachbegrünungen, eine riesige Photovoltaik-Anlage, Wärmerückkopplung durch Abwärme von Servern: Der neue Campus Weststadt der Hochschule Esslingen ist mehr als nur ein neues Gebäude. Er ist ein lebendiges Labor für Nachhaltigkeit, in dem Studierende die Zukunft der Energietechnik hautnah erleben können. Prof. Dr.-Ing. Markus Tritschler, Projektleiter Ökomanagement an der Hochschule Esslingen und bis 2025 Prorektor Gebäude und Infrastruktur, verrät im Interview, welch cleveren Lösungen in Bezug auf Nachhaltigkeit hinter den Fassaden der neuen Gebäude stecken.

 

1. Der Campus Weststadt gehört zu den größten Hochschul-Bauprojekten des Landes – welchen Stellenwert hat Nachhaltigkeit bei einem solchen Projekt?

“Nachhaltigkeit spielt eine entscheidende Rolle an der Hochschule Esslingen und auch beim Bau des neuen Campus Weststadt. Das sehen wir an verschiedensten Punkten, beispielsweise an den verwendeten Baumaterialien und der eingebauten Technik. Das Bauvorhaben soll außerdem nach dem Bewertungssystem Nachhaltiges Bauen (BNB) zertifiziert werden. Ziel ist eine Zertifizierung mit Silber, das bedeutet einen Erfüllungsgrad von über 65 % der festgelegten Nachhaltigkeitskriterien.”

2. Gibt es technische Besonderheiten, die die nachhaltige Bauweise besonders aufzeigen? 

“Die gibt es in jedem Fall. Es wird beispielsweise eine extensive Dachbegrünung geben, wodurch die Dachflächen ökologisch genutzt werden können. Auch bauliche Besonderheiten wie eine Passivhaushülle mit außenliegendem Sonnenschutz sowie luftdichte Ausführung der Gebäudehülle und hocheffiziente Lüftungsanlagen sorgen dafür, dass der Heizwärmebedarf stark reduziert werden kann.”

3. Der Energiebedarf eines solchen Gebäudes ist bestimmt trotzdem ziemlich hoch, wie wird dieser in Zukunft gedeckt?

“Hierfür haben wir auf den Dächern der Gebäude am Campus eine Photovoltaik-Anlage montiert, deren 1298 Module eine Spitzenleistung von 571 kW haben, womit ein Drittel des jährlichen Strombedarfs des Campus gedeckt werden kann. Der Wärmebedarf wird zu einem Drittel aus der Abwärme der zentralen IT-Servertechnik in Kombination mit einer Wärmepumpe gedeckt. Die Nahwärmeversorgung der Green Hydrogen Esslingen GmbH (GHE) liefert die restliche benötigte Heizwärme. Die GHE erzeugt in ihrer angrenzenden Energiezentrale in der Weststadt über einen Elektrolyseur „grünen Wasserstoff“. Die dabei entstehende Abwärme wird von der GHE in das Nahwärmenetz eingespeist.”

4. Die Sommer werden ja bekanntlich immer wärmer – werden die Studierenden weiterhin in den Räumen schwitzen oder besteht die Möglichkeit, die Räume zu kühlen?

“Der neue Campus Weststadt ist auf zunehmend heiße Sommer vorbereitet. Große Fensterflächen sorgen für viel Tageslicht, werden jedoch durch außenliegenden Sonnenschutz vor übermäßiger Aufheizung geschützt. Ergänzend kommen moderne Lüftungsanlagen und Kühldecken zum Einsatz, um zum Beispiel die Seminarräume aktiv zu temperieren. Aus Nachhaltigkeitsgründen wird bewusst auf eine energieintensive Vollklimatisierung verzichtet. Ziel ist es, die Raumtemperaturen auch an heißen Tagen in der Regel auf etwa 26 Grad zu begrenzen – und damit deutlich bessere Bedingungen zu schaffen als in vielen älteren Hochschulgebäuden.”

5. Wo wird man am Campus noch auf das Thema Nachhaltigkeit stoßen? 

“Die Außenanlagen werden so gestaltet, dass trotz des begrenzten Raumes bei hoher Publikumsdichte möglichst großzügige Freiräume geschaffen werden. Der Innenhof ist beispielsweise mit versickerungsfähigem grauen Natursteinpflaster belegt. Zwei versetzte Baumreihen bieten ein grünes Schattendach im Sommer und darunter reihen sich Sitzgelegenheiten. Der zweite Bauabschnitt wird als großzügige Interimsgrünanlage gestaltet. Durch zahlreiche Fahrradabstellplätze und Ladestationen für eBikes wird nachhaltige Mobilität attraktiv werden.”

6. An der Hochschule Esslingen gibt es den Studiengang Nachhaltige Gebäude- und Energietechnik: Da kann der neue Campus also Modell stehen?

“Das kann er in jedem Fall! Hier wird nachhaltige Gebäude- und Energietechnik in die Praxis umgesetzt und für die Studierenden greifbar; der Standort wird zum Living-Lab. Beispiele sind die zuvor genannte PV-Anlage oder die Wärmepumpe.”

Vielen Dank für das Gespräch, Prof. Tritschler!

Das Interview führte Nina Koranda.

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