Zeitzeugin zu Gast

Hochschule - Fakultäten - Soziale Arbeit, Bildung und Pflege

Die Zeitzeugin Ruth Rosenstock Michel war vor wenigen Tagen zu Gast an der Hochschule Esslingen. Vor rund 120 Zuhörerinnen und Zuhörern – darunter viele Studierende, Hochschulangehörige und Gäste aus der Stadt sowie von Fachschulen - erzählte die 97-Jährige aus der Geschichte ihres Lebens. Als Kind und Jugendliche überlebte sie die Shoah. 

Ruth Michel wurde als Ruth Rosenstock 1928 in Königsberg/Ostpreußen (heute: Kaliningrad) geboren und zog sieben Jahre später mit ihrer Familie in das damals polnische Mikuliczyn. Dort erlebte sie zunächst den Einmarsch der Roten Armee und schließlich 1941 die Besetzung durch die deutsche Wehrmacht, die schlimme Folgen hatte. Nachdem ihr jüdischer Vater Aron Rosenstock sich versteckt halten musste, kümmerte sie sich um die Familie und besorgte Lebensmittel. Im Dezember 1941 wurde ihr Vater zusammen mit allen anderen jüdischen Einwohnern der Stadt verhaftet, im Wald zwischen Mikuliczyn und Tatarow erschossen und in einem Massengrab verscharrt. 

Als polnische Zwangsarbeiterin getarnt 

Ruth Michels Wohnhaus war kurz zuvor vom Hochwasser des Flusses Pruth zerstört worden, so dass sie, ihre Mutter und ihre Schwester nicht von der Razzia durch die Besatzer betroffen waren. Mit ihrer christlichen Mutter und als polnische Zwangsarbeiterin getarnt, schaffte sie es, zurück nach Königsberg zu gelangen. Dort erlebte sie das Kriegsende und die Bombardierungen durch die russische Armee mit.

„Ich bin den Ermordeten gegenüber verpflichtet, die Geschichte zu erzählen“, nennt Ruth Michel als ihr Motiv, regelmäßig in Schulen und Hochschulen über ihr Schicksal zu berichten. 

Auf die vielen interessierten Fragen nach der Lesung aus ihrer Autobiografie antwortete Ruth Michel mal gelassen, mal energisch. So berichtete sie, dass ihr Vater ihr schon als 13-Jährige die Verantwortung für die Familie übertragen hat. Und sie erzählte von ihrem starken Willen: „Ich bin eine Macherin.“ 

„Es geht um vorgelebte Menschlichkeit!“

Prof. Christof Wolfmaier, Rektor der Hochschule Esslingen, erinnerte in seinem Grußwort daran, dass die Hochschule junge Menschen ausbilde, die Lösungen für eine immer kompliziertere Welt entwickeln, Verantwortung übernehmen und die Zukunft gestalten wollen. „Dabei geht es um weit mehr als um Fachwissen und technologische Kompetenz. Wissenschaft und Bildung erschöpfen sich nicht alleine in Formeln, Algorithmen oder Geschäftsmodellen. Junge Menschen brauchen ein Fundament. Sie brauchen Werte. Sie brauchen Bildung und gelebte, besser noch, vorgelebte Menschlichkeit“, so der Rektor.

Dr. Michael Blume, Beauftragter der baden-württembergischen Landesregierung gegen Antisemitismus und für jüdisches Leben, betonte, dass es nicht um Schuld, sondern um Verantwortung gehe. Die Organisatorin der Veranstaltung, Prof. Dr. Nina Kölsch-Bunzen, wünschte sich Engagement und Aktionen gegen Antisemitismus. 

Musikalischer Abschluss 

Zum Abschluss des Nachmittags hörten die Besucherinnen und Besucher einen musikalischen Beitrag von Allon Walach (Asamblea Mediterranea, Gitarre) und Sophie Macher (Gesang). Im Anschluss konnten sich alle Interessierten noch in einer Ausstellung über die derzeitigen Ergebnisse aus dem studentischen Projekt „Erziehung nach Auschwitz“ informieren.

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