Wenn der Zug am frühen Morgen Richtung Esslingen rollte, begann für Victor Warkentin nicht nur der Weg zur Hochschule, sondern auch eine kleine Auszeit. Zwei Jahre lang pendelte der Fahrzeugtechnik-Student täglich zwischen seiner Wohnung in Ludwigsburg und Esslingen. Aus dem Fenster schauen, entspannen, während die Landschaft draußen an seinem Auge vorbei rauschte.
„Das war meine heilige Zeit“, erinnert sich der 21-Jährige, „die einzige Zeit am Tag, in der ich mir erlaubt habe, nicht ans Lernen zu denken.“
Seit dem Sommersemester 2024 studiert Victor Warkentin, gebürtig im brasilianischen São Paulo, an der Hochschule Esslingen. In dieser kurzen Zeit hat er jedoch schon mehr erreicht als viele andere. Nicht ohne Grund erhält er in wenigen Tagen den mit 1.000 Euro dotierten Preis des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD), den ihm Prorektor Prof. Dr. Fabian Diefenbach im Rahmen der Graduiertenfeier am 31. Juli persönlich überreichen wird.
„Wer Fragen hat, kann mich jederzeit anrufen“
Schon Victor Warkentins Notendurchschnitt von 1,4 spricht für sich. Doch die Auswahlkommission überzeugte vor allem die Kombination aus akademischer Exzellenz und persönlichem Einsatz. Soziales Engagement begleitet Victor Warkentin schon seit seiner Schulzeit: Hier organisiert er regelmäßig Spielzeug- und Kleider-Sammelaktionen für Kinder aus sozial benachteiligten Familien.
Als Student in Esslingen übernimmt er bereits im zweiten Semester das Amt des Semestersprechers. Darüber hinaus engagiert er sich seit Beginn seines Studiums an seiner ehemaligen Schule in São Paulo. In den Semesterferien hält er Vorträge und berichtet Schülerinnen und Schülern der Oberstufe vom Studium in Deutschland.
„Ich weiß, wie schwer es ist, an die richtigen Informationen zu kommen“, so der Student. „Deshalb gebe ich oft auch meine Telefonnummer weiter. Wer Fragen hat, kann mich jederzeit anrufen.“ Ob Tipps zur Wohnungssuche, zum Eröffnen eines Bankkontos oder rund um die Studienorganisation – seine persönlichen Erfahrungen gibt er gerne weiter.
„An schwierigen Aufgaben zu tüfteln, motiviert mich“
Dass ihm dieses Engagement so wichtig ist, hat viel mit seiner eigenen Geschichte zu tun. Schon als Teenager steht für Victor Warkentin fest, dass er eines Tages in Deutschland studieren will. Er besucht eine deutsche Schule in Brasilien und legt sowohl das brasilianische als auch das deutsche Abitur ab. Die Verbindung zu Deutschland reicht in seiner Familie weit zurück: Die Vorfahren seines Vaters sind Russlanddeutsche, die nach Brasilien auswanderten. Deutsch wird in der Familie bis heute bewahrt.
„Zu Hause sprechen wir meistens beides gleichzeitig“, erzählt Warkentin schmunzelnd. „Man fängt einen Satz auf Portugiesisch an und beendet ihn auf Deutsch.“
Sein Vater, Maschinenbauingenieur und selbst Absolvent einer deutschen Hochschule, weckt früh die Begeisterung seines Sohns für Technik. Im väterlichen Unternehmen lernt Victor Warkentin Maschinen und Produktionsanlagen kennen. Die Entscheidung für ein Fahrzeugtechnikstudium liegt deshalb nahe.
„Mich haben Autos und Technik schon immer fasziniert. Der Großraum Stuttgart als Wiege der Automobilindustrie war für mich deshalb der ideale Studienort.“
Im Studium faszinieren ihn besonders komplexe Berechnungen in Thermodynamik und Festigkeitslehre.
„Ich mag Herausforderungen. Stundenlang an einer schwierigen Aufgabe zu tüfteln und am Ende eine Lösung zu finden, auf die sonst niemand gekommen ist – das motiviert mich.“
Lernen, lernen und nochmal lernen
Aus Sorge, die einmalige Chance, in Deutschland studieren zu können, nicht zu nutzen, stellt er sein Leben in Deutschland zunächst vollständig auf das Studium ein, sitzt bis tief in die Nacht hinein über seinen Büchern. Selbst auf Besuche bei seiner Schwester in Freiburg verzichtet er.
„Ich hatte Angst, dass ich sonst nicht genug lernen würde.“
Sein Ehrgeiz ist so groß, dass ihn schließlich sogar ein Professor bremst. Die Botschaft: weniger Perfektion, mehr Ausgleich. Erst nach einigen Semestern erkennt der ehrgeizige Student, dass Erfolg nicht bedeutet, jede freie Minute zu arbeiten.
„Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich das Studium auch schaffe, ohne mich ständig unter Druck zu setzen.“
Vor Kurzem ist Victor Warkentin nach Esslingen gezogen, absolviert sein Praxissemester bei Mercedes-Benz in der Motorenentwicklung und nutzt seine neu gewonnene Freiheit. Mit dem Deutschlandticket erkundet er das Land und nimmt sich bewusst Zeit für das, was früher zu kurz kam.
Dass er nun mit dem DAAD-Preis ausgezeichnet wird, kommt für ihn überraschend.
„Ich hätte nie gedacht, dass ich überhaupt nominiert werde“, sagt er. „Die Auszeichnung bedeutet mir sehr viel. Sie zeigt mir, dass sich der eingeschlagene Weg gelohnt hat.“
Nach seinem Studium möchte Victor Warkentin zunächst in Deutschland bleiben. Ob in der Fahrzeugtechnik oder im Maschinenbau – seiner beruflichen Zukunft sieht er optimistisch entgegen.
„Als Ingenieur findet man immer Möglichkeiten“, sagt er.
Weitere Informationen
Mit dem Preis zeichnet der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) herausragende Studierende aus, die sich durch besondere akademische Leistungen und bemerkenswertes gesellschaftliches oder interkulturelles Engagement hervorgetan haben. Hierdurch soll einer breiteren Öffentlichkeit deutlich gemacht werden, welche Bereicherung internationale Studierende für die Hochschulgemeinschaft darstellen.



