1967-1977

1967-1969

Die Kandidatenabfuhr im Jahr 1967
Bildquelle: Archiv der Hochschule Esslingen

Staatliche Ingenieurschule Esslingen

„Studenten sollen studieren, nicht protestieren!“, lautet eine Parole im Jahr 1968 auf einem Flugblatt von Esslinger Studierenden. Diese Parole scheint jedoch ein Widerspruch in sich zu sein. Die Studenten der Ingenieurschule Esslingen wollen damit zum Ausdruck bringen, dass sie von der Politik dazu gezwungen wurden, für ihre Interessen auf die Straße zu gehen. Sie inszenieren sich als brave Ingenieure, die mit den radikalen Protesten an den Universitäten nichts zu tun haben wollten.

Maßgeblicher Anlass der Proteste sind Reformen der Ingenieurausbildung. Dieser, in den 60er Jahren begonnene Reformprozess findet 1971 einen vorläufigen Abschluss mit der Umwandlung der Ingenieurschulen in Fachhochschulen. Auf dem Weg von der Ingenieurschule zur Fachhochschule kommt es aber immer wieder zu Meinungsverschiedenheiten und Konflikten. Die Studenten greifen mehrmals zum Mittel der Demonstrationen und des öffentlichen Protests um ihre Meinungen kundzutun und Einfluss auf den Reformprozess zu nehmen. 1968, im Jahr, das der „68er Bewegung“ ihren Namen geben sollte, gehen deshalb auch die Studenten der Staatlichen Ingenieurschule Esslingen auf die Straße. Unzufrieden mit der Bildungspolitik des baden-württembergischen Kultusministers Prof. Dr. Wilhelm Hahn (CDU) und der Landesregierung von Hans Filbinger (CDU), verschaffen sie ihrem Unmut lautstark und medienwirksam Gehör. Letztendlich zielen die Proteste nach 1968 hauptsächlich darauf, sicherzustellen, dass mit der Einführung der Fachhochschule mehr als eine Umbenennung stattfinden würde. Zum einen wollen die Studenten erreichen, dass die Fachhochschulen Teil des Hochschulsystems würden, um dadurch einen mit Universitäten vergleichbaren Status zu erlangen. Zum anderen geht es um Fragen der Organisation des Studiums und der neuen Bildungsstätten. Die Ingenieurstudenten wollen Studienbedingungen erreichen, die näher an denen der Universitäten sind.

1969-1971

Höhere Fachschule für Sozialarbeit

Im Frühjahr 1969 ruft der Allgemeine Studierendenausschuss (AStA) der Höheren Fachschule für Sozialarbeit (HFS) in Stuttgart den "sozialen Notstand" aus und unterstreicht damit seine Forderung nach einer Akademisierung der Berufsausbildung im sozialen Bereich. Der Prozess der Akademisierung im Bereich der sozialen Berufe ist keine Selbstverständlichkeit, sondern einer, für den vehement gekämpft werden muss. Es werden drastische Argumente wie gestiegene Selbstmordquoten, Jugendkriminalität, Frühinvalidität und das Zusammenbrechen althergebrachter Familienstrukturen angeführt, um den Bedarf an qualifizierten und damit akademisch ausgebildeten Fachkräften in diesem Bereich zu begründen.

Die sozialen Schulen unterscheiden sich hierbei von den Ingenieursschulen, an denen keine Notwendigkeit besteht, explizit für die Umwandlung zu kämpfen. Ihre Umwandlung in Fachhochschulen ist von Beginn an vorgesehen gewesen. Bei Protesten an den Sozialen Schulen geht es um die Anerkennung und Weiterführung der Schulen, bei den Ingenieursschulen dagegen geht es nicht darum, „ob“, sondern „wie“ die Reform durchgesetzt werden soll.

Ab Mai 1970 werden alle Absolventen der Ingenieurschulen, Höheren Fachschulen und Werkkunstschulen zu jedem Hochschulstudium zugelassen.

Im Oktober 1971 spalten sich die Höhere Fachschule für Sozialarbeit und die Höhere Fachschule für Sozialpädagogik vom Schwäbischen Frauenverein ab und werden gemeinsam als "Fachhochschule für Sozialwesen" (FHS) vom Land übernommen.

1971-1977

Studierende während einer Vorlesung
Bildquelle: Archiv der Hochschule Esslingen

Fachhochschule Esslingen

Im Jahr 1971 wird die Staatliche Ingenieurschule Esslingen umbenannt in Fachhochschule Esslingen.
Viele der Forderungen der Studenten, für die sie 1968 auf die Straße gegangen waren, sind mit der Errichtung der Fachhochschule erfüllt worden. Der Landtag von Baden-Württemberg verabschiedet im Dezember 1971 das erste Fachhochschulgesetz. Damit treten wichtige Veränderungen primär für die Studierenden in Kraft: Unter anderem wird für die Zulassung zum Fachhochschulstudium die Hochschulreife oder die Fachhochschulreife verlangt. Darüber hinaus wird die Regelstudiendauer von 6 auf 8 Semester erhöht, die Studien- und Prüfungsordnung überarbeitet und verbessert und für die Studenten aller Studiengänge zum Abschluss des Studiums eine "Ingenieurarbeit" vorgeschrieben.
Im Jahr 1975 wird die Hochschule in Fachochschule für Technik Esslingen (FHTE) umbenannt.
Einen wegweisenden Schritt auch in der Titelfrage der Absolventen der Fachochschule leitet das im Jahr 1976 beschlossene Hochschulrahmengesetz ein. Damit wird erstmals eine bundeseinheitliche Rechstgrundlage für alle Hochschulen geschaffen. Im November 1976 wird Prof. Wolfgang Schnabel zum Rektor der FHT Esslingen gewählt.



Fachhochschule für Sozialwesen

Im April 1974 zieht die FHS mit 303 Studierenden von Stuttgart nach Esslingen um, nachdem die Berufspädagogische Hochschule die für sie eigentlich vorgesehenen Räume nicht in Anspruch nimmt.
Der 'Standort Flandernstraße' wird im Mai 1974 dann feierlich eröffnet. Dieser besitzt doppelten Symbolcharakter: Zum einen repräsentiert er die jüngere Geschichte der Hochschule Esslingen, zum anderen ist seine Architektur ein passendes Anschauungsobjekt für die Bildungsvorstellungen seiner Entstehungsjahre. Es erscheint wie selbstverständlich, dass sich in diesen Gebäuden später auch technische Studiengänge befinden, obwohl es gezielt für Pädagogen errichtet wurde.
Nach dem Umzug wird die Schule in "Fachhochschule für Sozialwesen Esslingen" umgetauft.