Vortragsreihe „Ethische Aspekte aktueller Zeitfragen“

Die Hochschule Esslingen lädt im Sommersemester 2017 wieder alle Studierenden sowie die interessierte Öffentlichkeit zur Vortragsreihe „Ethische Aspekte aktueller Zeitfragen“ ein. 

Start der Reihe: 26. September 2017

Die Vorträge finden jeweils von 17:30 Uhr - 19.00 Uhr statt.

Veranstaltungsort:

Hochschule Esslingen, Campus Flandernstraße

Flandernstraße 101, 73732 Esslingen

Hörsaal 5

Bitte beachten Sie die Zeit- und Ortsangaben zu den jeweiligen Vorstellungen, diese können abweichend in Raum F 01.111 stattfinden. Zwei Termine finden in diesem Semester an einem Donnerstag statt (23.11. und 14.12.) Die Veranstaltung am 21.11. findet in Esslingen im BürgerInnensaal statt. 


Hinweis zum Studium Generale:

Die Reihe kann auch im Rahmen des Studium Generale belegt werden Anforderungen zum Leistungsnachweis

September 2017

26. September 2017

Einführung

03. Oktober 2017        

Feiertag

 

10. Oktober

Alltag und Ethik an der Grenze - Reflexionen einer Forschung im marokkanisch-spanischen Grenzraum von Ceuta und Melilla - Eva Bahl, M.A., Universität Göttingen

"In meinem Vortrag werde ich einen Teil meiner Forschung im Rahmen des DFG-geförderten Forschungsprojekts "Die soziale Konstruktion von Grenzgebieten" präsentieren. Ceuta und Melilla sind spanische Städte, die an der Küste von Nordafrika liegen und deren Grenzen die einzigen Landgrenzen der EU mit dem afrikanischen Kontinent darstellen. Mediale Aufmerksamkeit erfuhren sie in den letzten Jahren vor allem wegen der sie umgebenden hohen Zäune, die regelmäßig von Migrierenden - zumeist jungen Männern aus Westafrika - überwunden werden. Weniger mediale Aufmerksamkeit erfährt hingegen der Alltag in diesem Grenzraum, der schon seit langer Zeit von Migration und Mobilität, von einer gemeinsamen (spanisch-marokkanischen) Kolonikalgeschichte, von massicher sozialer Ungleichheit und von diversen kulturellen und religiösen Zugehörigkeiten geprägt ist. Anhand von Reflexionen meiner Forschung mit ethnographischen und biographischen Methoden in diesem Grenzraum sollen folgende Fragen diskutiert und so ein "Alltag an der Grenze" greifbar gemacht werden: Welche Gruppierungen interagieren in diesem Grenzraum, in welchen Machtkonstellationen befinden sie sich und wie verschieben sich diese? Was sind die verschiedenen Perspektiven auf die Grenze und welche kollektivgeschichtlichen Hintergrund haben diese jeweils?"

17. Oktober 

Zwischen Ausnahmezustand und Normalisierung. Ethik und Praxis des Alltags im Bürgerkrieg - Prof. Dr. Teresa Koloma Beck, Bunderwehruniversität München

In populären wie auch in wissenschaftlichen Debatten werden Kriege in der Regel als Ausnahmezustand vorgestellt, als gewaltsame Abweichung vom »normalen« Gang der Dinge. Doch Kriege werden nicht an einem Tag entschieden; sie dauern Jahre, bisweilen Jahrzehnte – zu lang, als dass sie individuell als Ausnahmezustand verarbeitet werden könnten. Denn für den Einzelnen führt eine solche anhaltende Erfahrung schnell zum Zusammenbruch. So liegt die Vermutung nahe, dass auch bewaffnete Konflikte Alltag nicht zum Stillstand bringen, sondern ihn vor allem verändern. Doch wie lässt sich diese Transformation von Alltäglichkeit unter den Bedingungen des Bürgerkriegs erforschen? Inwiefern läßt sich Normalisierung des Krieges beobachten? Und wo liegen die Grenzen dieser Dynamiken? Welche Konsequenzen lassen sich aus solcher Forschung für den Umgang mit vor Kriegen Geflüchteten in Europa ziehen? Basierend auf Feldforschungen in Angola, Mosambik und Afghanistan wird der Vortrag diesen Fragen nachgehen.

31. Oktober 

Feiertag 

07. November 

„reclaim and remember“ – Erinnerung an rechte Gewalt 25 Jahre nach dem Anschlag in Mölln aus ethischer Perspektive – Ibrahim Arslan, Überlebender des Anschlags in Mölln 1992

In der Nacht auf den 23. November 1992 verübten Rechtsextreme einen Brandanschlag auf ein Haus in Mölln. Wie durch ein Wunder überlebte Ibrahim Arslan, damals 7 Jahre. Seine Großmutter Bahide Arslan, seine Schwester Yeliz Arslan und seine Cousine Ayşe Yılmaz kamen ums Leben. Der Anschlag in Mölln steht in Zusammenhang mit anderen rechtsextremen Gewalttaten wie den Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen im August 1992 oder dem Anschlag in Solingen im Mai 1993. Das Gedenken an die Opfer fand lange Zeit ohne deren gleichberechtigte Beteiligung statt. Seit 2013 kämpft Ibrahim Arslan um ein Gedenken aus der Perspektive der Opfer und ermutigt auch andere Opfer rechter Gewalt dazu, zu sprechen und sich ihre Geschichte anzueignen. Im Vortrag berichtet er über seine Erfahrungen und seine Forderungen und diskutiert Fragen des Gedenkens aus der Perspektive der Opfer.

 

 

14. November

Gerechte Strafe oder Gerechtigkeit für die Opfer? - Der NSU-Prozess aus ethischer Perspektive - Robert Andreasch, NSU-watch

 

Seit Mai 2013 findet am Oberlandesgericht München der Prozess gegen die Angeklagten im Zusammenhang mit den zehn Morden des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) statt. Die Angehörigen der Opfer verbanden mit dem Prozess die Hoffnung auf Aufklärung und gerechte Strafe und äußern sich mittlerweile zum Teil enttäuscht über den Prozessverlauf. Robert Andreasch verfolgte als unanbhängiger Beobachter von NSU-watch den Prozess von Beginn an. In seinem Vortrag wird er eine Einschätzung des Prozesses abgeben und Fragen nach den Möglichkeiten und Grenzen der juristischen Aufarbeitung rechter Gewalt diskutieren.

21. November - Rathaus Esslingen, BürgerInnensaal 

Prostitution -  Gewaltverhältnis oder selbstverständliche (Frauen)Erwerbsarbeit? Eine Analyse der kontroversen Debatten aus ethischer Perspektive – Prof’in Dr’in Monika Barz (in Kooperation mit dem Referat für Chancengleichheit der Stadt Esslingen)

Nach deutscher Gesetzgebung ist Prostitution ein Wirtschaftszweig, der „wie andere Bereiche unternehmerischen Handelns den Eigengesetzlichkeiten der Marktwirtschaft folgt“ und gleichzeitig ein Wirtschaftszweig „in dem Grundrechte wie die sexuelle Selbstbestimmung, ... faktisch in besonderer Weise gefährdet sind“ (Bundestagsdrucksache 18/8556). In diesem Spannungsfeld von Gewaltverhältnis und Erwerbsarbeit hat sich eine kontroverse feministische Debatte um Pro-Prostitution und Contra-Prostitution entwickelt. Beide Seiten haben ernst zu nehmende Argumente, die es wert sind gesehen und berücksichtigt zu werden. Im Vortrag werden die verschiedene Sichtweisen und sozialwissenschaftlichen Forschungsergebnisse dargestellt und die jeweils daraus resultierenden Konsequenzen für die Praxis Sozialer Arbeit diskutiert.

Prof’in Dr’in Monika Barz, 1993 bis 2016 Frauen- und Geschlechterforschung Evangelische Hochschule Ludwigsburg, Mitglied bei SISTERS eV – Ausstieg aus der Prostitution, gemeinsam mit Landesfrauenrat Baden-Württemberg Initiierung der bundesweiten Dachkampagne ROTLICHTAUS.

Donnerstag, 23. November in Raum F 01.111.

Fluchthelfer_innen: Noch Helden oder bereits Kriminelle? - eine ethische Perspektive – Prof. Dr. Karim Fereidooni, Ruhr-Universtität Bochum, Emine Aslan, Goethe-Universität Frankfurt am Main

Im Kontext von Grenzregimen, die für geflüchtete Menschen undurchlässig waren und sind, mussten bzw. müssen schutzbedürftige Menschen Dienstleistungen von Personen in Anspruch nehmen, die ihnen bei der Organisation und Durchführung ihrer Flucht halfen bzw. helfen und dafür finanziell entschädigt wurden bzw. werden. Dass nicht nur die Bezeichnungen für diese Personen (Fluchthelfer_innen bzw. Schleuser_innenbanden), sondern auch der staatliche Umgang mit ebendiesen Personen (Würdigung bzw. Kriminalisierung) stark voneinander variieren, belegen Dokumentationen über das Wirken bundesdeutscher Staatsbürger_innen, die zwischen 1961 und 1989, Menschen dabei geholfen haben aus der DDR in die BRD zu fliehen und deshalb staatlicherseits geehrt wurden, wohingegen syrische Staatsbürger_innen, die gegenwärtig geflüchteten Menschen dabei helfen, nach Deutschland zu gelangen, staatlicherseits kriminalisiert werden. Diese Ungleichbewertung wirft die folgenden Fragen auf, auf denen im Rahmen des Vortrags eingegangen wird: Wie rahmen politische Diskurse Körper und Handlungen? Unter welchen Umständen ist Flucht (il)legal und welche Kriterien sind für die unterschiedliche Bewertung maßgeblich? Welche Bedeutung messen aufnehmende und abweisende Gesellschaften den individuellen Vergangenheiten der Migrant(inn)en und Geflüchteten bei? Welche Vergangenheiten werden in den Diskursen der offenen und geschlossenen Gesellschaften konstruiert und welche Funktion haben sie für die jeweiligen Sprecher(innen)positionen? Welche Rolle spielen vergangene Diskurse um Migration und Flucht sowie die kollektiven Gedächtnisse bzw. imaginierten Gemeinschaften der unterschiedlichen Gruppierungen in aktuellen Diskussionen und für das Handeln der Einzelnen? Welchen Stellenwert nehmen Menschenrechte für die immagined community der Wertegemeinschat Europa in diesen Debatten ein?

28. November  - entfällt wegen Krankheit der Referentin!

"Wenn Sie in Deutschland leben möchten, sollten Sie Deutsch lernen" - Eine ethische Perspektive auf den gesellschaftlichen Umgang mit sprachlicher Vielfalt – Dr. Susanne Becker, Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften, Göttingen

"Wenn Sie in Deutschland leben möchten, sollten Sie Deutsch lernen" - Diesen Satz auf der Homepage des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge hört man so oder so ähnlich seit Jahrzehnten in Deutschland. Er verweist auf historisch gewachsene kollektive Wissensbestände über Sprache und auf das monolinguale sprachliche Selbstverständnis Deutschlands, das auch den Umgang mit sprachlicher Vielfalt in Deutschland prägt. Der Vortrag beschäftigt sich damit inwieweit der gesellschaftliche Umgang mit sprachlicher Vielfalt soziale Ungleichheiten hervorbringt bzw. reproduziert. In den Sprachwissenschaften gilt sprachliche Vielfalt als Normalität. Dabei bezieht sich diese Vielfalt nicht nur auf die Nutzung unterschiedlicher standardisierter Nationalsprachen wie Englisch, Deutsch, Französisch oder Türkisch, sondern auch auf Variationen innerhalb einer Sprache (häufig als Dialekt, Soziolekt oder Ethnolekt bezeichnet). Während verschiedene Sprechpraktiken aus linguistischer Perspektive häufig als gleichwertig gelten, gibt es historisch gewachsene kollektive Wissensbestände (Sprachideologien), die zu einer Hierarchisierung von Sprechpraktiken führen. Dieser Vortrag wird sich einerseits mit diesen gesellschaftlichen Hierarchisierungen von Sprechpraktiken und den daraus produzierten Differenzen beschäftigen und sich anderseits damit beschäftigen welche ökonomischen Konsequenzen aus diesen Klassifikationsordnungen von Sprache(n) resultieren. Damit verbindet sich auch die normative Frage nach Sprachrechten und sozialer Gerechtigkeit. Der Vortrag wird also eine ethische Perspektive auf den Umgang mit sprachlicher Diversität entfalten.

05. Dezember 

Eine Verteidigung des Liberalismus - oder: Ethik und Verantwortung der Kritik
Lukas Lutz, Hochschule Esslingen

Der Liberalismus steckt in der Krise: Einerseits wird er von progressiver Seite dafür kritisiert, in seiner Form als ‚Neoliberalismus‘ zum Abbau von Sozialstaatlichkeit, zu einem deregulierten Kapitalismus und zu einem rücksichtslosen, auf Kosten von Mensch und Umwelt agierenden Profitstreben geführt zu haben. Von rechter Seite hingegen werden Vorstellungen von einem autoritären Staatswesen und einem ‚starken Mann‘ an dessen Spitze reaktiviert, in deren Zusammenhang die liberalen Ideen der Grundrechte, Demokratie und Vielfalt an Lebensentwürfen infrage gestellt werden.

Von dieser Problemstellung ausgehend sollen anhand der philosophisch-politischen Konzeptionen von Thomas Hobbes und John Rawls sowie der radikalen, aber erstaunlich schlüssigen Wirtschaftsphilosophie Milton Friedmans Charakteristika einer liberalen Gesellschafts- und Staatsauffassung entwickelt werden. Dadurch wird sich zeigen, dass das primäre Anliegen des Liberalismus nicht in einer Maximierung unternehmerischer Gewinne, sondern in der Wahrung von Menschenrechten und der Emanzipation des Individuums von gesellschaftlichen Zwängen besteht. Wie dennoch eine Kritik an der modernen Gesellschaft und ihren unleugbar vorhandenen Gerechtigkeitsdefiziten möglich ist, ohne diese Errungenschaften des liberalen Denkens zu gefährden und in eine Sehnsucht nach der vermeintlichen ‚Sicherheit‘ des Autoritarismus zu verfallen, soll abschließend mit einem Seitenblick auf die Theorie von Karl Marx gezeigt werden; denn Marx ist, der trotz seiner oftmals beißenden Kritik an liberalen Ansichten und entgegen der üblichen Auffassung, nichts weniger als: ein Liberaler.

Donnerstag, 14. Dezember, Raum F 01.111

 

Bilder von Flucht und Migration. Dilemmata der fotografischen Präsentation persönlichen Erlebens im öffentlichen Bilddiskurs – Prof. Dr. Roswitha Breckner, Universität Wien

In der fotografischen Darstellung von Flucht und Migration in den öffentlichen Medien werden besonders solche Bilder, die starke Emotionen wecken und in persönliche Geschichten eingebettet sind, zu Ikonen, wie etwa die Fotografie von Alan Kurdi, dem kleinen toten Jungen am Strand in der Türkei. Das bewirkt einerseits Mitgefühl und hat sogar den Diskurs über die Flucht aus Syrien von 2015 / 2016 verändert. Für die betroffene Familie hatte dieses um die Welt zirkulierende Bild aber auch negative Auswirkungen. Im Vortrag wird der Frage nachgegangen, in welcher Hinsicht erst die personenbezogene fotografische Darstellung wichtiger Ereignisse im Diskurs wirksam wird und zugleich welche problematische Konsequenzen dies für die Betroffenen hat.