Lücke zwischen Theorie und Praxis in der Sozialen Arbeit? Das Projekt „Service User Involvement“ steuert dagegen

Projektgruppe Service User Involvement des SoSe 2016/ WiSe 1015/16

Zwischen der Lehre und der Praxis in der Sozialen Arbeit besteht oftmals eine Lücke. So kann es zum Beispiel dazu kommen, dass sich Nutzerinnen und Nutzer der Sozialen Arbeit von Sozialarbeiter_innen nicht richtig verstanden fühlen oder Unterstützungsangebote nicht fruchten.

Dieses Problem wird im Projekt „Service User Involvement in Social Work Education” im Bachelor-Studiengang Soziale Arbeit behoben, denn hier werden die Menschen, die Sozialer Arbeit in Anspruch nehmen, in die Lehre einbezogen.

Inspiriert wurde das Projekt, welches sich aktuell im zweiten Durchlauf befindet, durch das Netzwerk „PowerUs“. Dieses internationale Netzwerk hat sich zum Ziel gesetzt, Menschen, die Soziale Arbeit in Anspruch nehmen – im internationalen Kontext sogenannte Service User_innen – in die Lehre der Sozialen Arbeit systematisch mit einzubeziehen und damit die Kluft zwischen Theorie und Praxis zu verringern. Die Hochschule Esslingen gehört diesem Netzwerk an und ist deutschlandweit die erste Hochschule, die dieses Konzept systematisch in der Lehre erprobt.

Mit dem Projekt „Service User Involvement in Social Work Education” wird dieses Konzept seit Sommersemester 2014 mit Studierenden des Bachelor-Studiengangs Soziale Arbeit im 5. und 6. Semester umgesetzt. Derzeit findet der zweite Durchlauf mit 16 Studierenden statt. Aufgeteilt in drei Gruppen, kamen sie diesmal mit 20 Service User_innen aus der Sucht- und Bewährungshilfe, aus der Familienhilfe sowie mit psychisch Erkrankten zusammen. Im Projekt haben die User_innen die Möglichkeit, über ihre Erfahrungen mit Sozialarbeiter_innen zu sprechen. Diesmal standen die Erfahrungen mit Diskriminierung und Stigmatisierung im Bereich der Sucht- und Bewährungshilfe sowie die Frage, wie Kontrolle in der Familienhilfe wahrgenommen wird, im Zentrum des Austauschs. Diese Erfahrungsberichte aus erster Hand sind für die spätere Arbeit der Studierenden äußerst wertvoll. So werden sie nicht nur theoretisch ausgebildet, sondern können die theoretischen Inhalte mit den konkreten Erfahrungen der UserInnen in Beziehung setzen. Sie lernen, sich in die Perspektiven der User_innen hineinzuversetzen und mit ihnen auf Augenhöhe ins Gespräch zu kommen.

Ein ehemaliger Straffälliger erzählt zum Beispiel von seinen Kontakten mit der Sozialen Arbeit während und nach seiner Zeit in der Justizvollzugsanstalt. Da teilweise ein Sozialarbeiter/ eine Sozialarbeiterin bis zu 150 Inhaftierte betreuen muss, fehlt oftmals die Zeit, sich mit einzelnen Straffälligen intensiver zu beschäftigen und deren individuelle Situationen und Bedürfnisse zu berücksichtigen. Auch nach der Haft hätte er sich konkrete Hilfeangebote gewünscht, die durch Sozialarbeiter_innen aber nicht angeboten wurden.

Ein weiterer Nutzer aus der Suchthilfe berichtete demgegenüber aber auch von seinen positiven Erfahrungen mit Sozialarbeiter_innen. Durch die konkreten Angebote und Maßnahmen der Sozialen Arbeit konnte sich das Leben des damaligen Alkoholabhängigen zum Positiven wenden und er ist sehr dankbar für die gemachten Erfahrungen. Für ihn hätte der Kontakt zu Sozialarbeiter_innen nicht besser laufen können.

Sowohl die positiven als auch die negativen Berichte sind für die Studierenden wertvoll. Die positiven bestärken sie in ihrer Tätigkeit, dass die Soziale Arbeit viel bewirken kann, die negativen geben Raum für die Reflexion und kritische Auseinandersetzung mit ihrer Arbeit.

Doch nicht nur für die Studierenden ist der intensive Kontakt und der Austausch mit den User_innen ein Gewinn, genauso erleben die User_innen selbst das Projekt als sehr positiv. Sie erhalten ein neutrales Feedback von angehenden Sozialarbeiter_innen ohne abhängig von ihnen zu sein. Sie erleben, dass sie ernst genommen, gehört und verstanden werden, dass ihre Erfahrungen wertvoll sind.

Im ersten Projektdurchlauf ist eine DVD über die Erfahrungen der Service User_innen entstanden, die nun als Lehrfilm dient. Diese DVD wurde durch die Unterstützung des Vereins der Freunde der Hochschule Esslingen ermöglicht und auf einer internationalen Tagung im Mai 2015 in Mailand mit großem Erfolg gezeigt.

Zukünftig ist geplant, dass auch in weiteren Lehrveranstaltungen in der Sozialen Arbeit Service User_innen einbezogen werden. Wie dies realisiert werden kann, wird derzeit schon konkret mit einigen Lehrenden besprochen. Die positiven Rückmeldungen der Studierenden bestärken dies und die Service User_innen wären auch weiterhin bereit, die Lehre mit ihren Erfahrungen zu bereichern.

Von: Juliane Steck